„Firmen rebellieren gegen OpenAI und Anthropic", titelt das Handelsblatt in der Wochenendausgabe vom 10. Juli. Rebellion auf Deutsch: Erst wird eine Bahnsteigkarte gelöst. Dann ein Dashboard beschafft. Dann ein Arbeitskreis gegründet.
Die Rebellen von heute sind dieselben, die gestern unterschrieben haben. Das ist kein Aufstand. Das ist ein Kulturmuster — und es ist älter als die KI.
Die Vorlage: Ein Beschaffungsvorgang in vier Opern
Wagner hat es vertont. Im Ring des Nibelungen bestellt Wotan eine Burg, die er nicht bezahlen kann. Die Riesen, die sie gebaut haben, sollen mit Freia entlohnt werden — der Göttin der Liebe und Jugend. Stattdessen bekommen sie gestohlenes Gold, auf dem ein Fluch liegt: Es vernichtet jeden, der es berührt. Vier Opern lang eskaliert ein einziger Beschaffungsvorgang ins Metaphysische, bis die Burg brennt.
Auf Neudeutsch: überdimensionierte Infrastruktur auf Kredit, bezahlt mit etwas, das man nicht versteht. Warum sollte man auch Tokens verstehen — man ist ja kein Techniker.
Der Satz hat Tradition. Günter Ogger hat die Kaste, die ihn spricht, 1992 beschrieben: die Nieten in Nadelstreifen. Die Population ist seitdem gewachsen. Ihr Erkennungsruf wird mit dem Stolz eines Kapitäns vorgetragen, der keine Ahnung vom Meer hat — er hat ja einen Navigator.
Auch die Wiederholung hat Tradition. Vor ziemlich genau dreißig Jahren druckte die Computerwoche einen Cartoon: ein Esel mit der Aufschrift „INTERNET", vorne mit Geldscheinen gefüttert, hinten das Ergebnis. Daneben ein Manager: „Irgendwie hab ich mir das anders vorgestellt." Man müsste nur das Wort auf dem Esel übermalen.
Corporate Germany wird nicht nach Schumpeter schöpferisch zerstört. Es wird rheingegoldet.