Wotans Rechnung
Ein lächelnder Manager im Anzug spaziert mit Schwert und Smartphone in eine Höhle, in der ein gewaltiger Drache aus Serverkabeln mit Zielscheiben als Augen über einem Goldhort lauert.
Akt III — Siegfried

Der Held, der keine Furcht kennt

Siegfried fürchtet den Drachen nicht. Nicht aus Mut — er weiß schlicht nicht, was ein Drache ist. In der Oper ist das seine Stärke. Im Vorstand ist es Methode: „Ich bin ja kein Techniker." Furchtlosigkeit durch Nichtverstehen, vorgetragen als Tugend.

Der Drache hat einen unglamourösen Namen: Abhängigkeit. Und das Playbook, das ihn züchtet, kennt die deutsche Industrie auswendig, sie hat es erfunden — in der Autobranche heißt es Tier-1: Komponente um Komponente auslagern, bis der Hersteller keinen Türgriff mehr selbst bauen kann. Dann diktiert der Zulieferer die Konditionen. Dasselbe Playbook läuft jetzt, angewendet auf Kognition.

Rob Hornby von Alix Partners hat im Handelsblatt nachgerechnet: Ein KI-Agent auf Basis der führenden Modelle kostet für mittelschwere Büroaufgaben aufs Jahr mehr als eine menschliche Vollzeitkraft in einem Niedriglohnland. Sein struktureller Befund ist härter als die Zahl: Die Unternehmen haben ihre IT-Kompetenz systematisch ausgelagert — und der Ausstieg aus der Abhängigkeit erfordert exakt die Kompetenz, die man gefeuert hat. Die Notausgänge liegen hinter der Paywall.

Wie schnell die Tür zufällt, hat der 12. Juni gezeigt: Die US-Regierung sperrte Anthropics Spitzenmodelle per Exportkontrolle für Nutzer außerhalb der USA. Von einem Tag auf den anderen stand Arbeit still, die „strategisch" auf genau diese Modelle ausgerichtet war. Der Drache musste nicht einmal beißen. Es reichte, dass er die Tür zuhielt.

Siegfried lächelt trotzdem. Er hat ja ein Smartphone als Schwert.